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Die Kunst der Entschleunigung - Zauberformel oder Modetrend?

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Die Kunst der Entschleunigung - Zauberformel oder Modetrend?

von Michaela Knabe, coachdogs® Akademie

 

Beim Wort Entschleunigung denken viele an Yoga, denn Yoga lehrt uns, bei uns zu sein, im Hier und Jetzt alles auszublenden und uns nur auf eine Sache zu konzentrieren. Den Moment leben, den Geist schulen, die Gedanken unter Kontrolle haben, einmal komplett abschalten, um danach die Dinge vielleicht wieder ganz anders zu sehen.

 

Ich denke bei Entschleunigung zuerst an meinen Hund, wobei ich hier durchaus Parallelen zum Yoga erkenne – der „herabschauende Hund“ ist ja sicher nicht frei und zufällig erfunden. Beneidenswert, wie er sich völlig entspannt in seine Ecke zurückzieht und sich regelmäßig seine kleinen Auszeiten nimmt, um sich wieder für die anstehenden Aufgaben zu sammeln. “Slow down” sozusagen. Aus menschlicher Sicht ein unvorstellbares Szenario, sein Leben so zu gestalten. Denn Langsamkeit hat in unserer Gesellschaft nichts mehr zu suchen. Wer heute noch Zeit hat, gilt als faul und gefährdet durch sein Verhalten die Arbeitswelt. 

 

Arbeitswelt 4.0

 

Die Welt dreht sich schneller. Und wir sind mittendrin in einem Hamsterrad, das nicht aufhören will, sich zu drehen. Immer mehr Aufgaben in immer kürzerer Zeit, immer schnellere Veränderungen und Arbeitsabläufe, ständige Reizüberflutung und Multitasking bei gleichzeitigem körperlichen Stillstand, indem wir nur noch starr vor dem Laptop sitzen. Das Smartphone, natürlich 24 Stunden eingeschaltet und mit externem Akku ausgestattet, um auch wirklich immer erreichbar zu sein. Arbeit, Studium, Beziehung, Meetings, Mails. Jede Minute online. Immer und überall anwesend, schließlich muss man ja netzwerken.

 

Hinzu kommt der Optimierungswahnsinn, alle sollen perfekt funktionieren, denn wer der Norm nicht entspricht, ist nicht gut genug. Kräftezehrende Revierkämpfe um die Frage, wer der Chef im Ring ist. Die permanente Verteidigung des Chefpostens stresst am meisten, denn der Unterlegene ist sowohl physisch als auch psychisch erschöpft, steht unter Druck und leidet unter der Angst, die Kontrolle zu verlieren und zu versagen.

 

Fakt ist: Wir können die Digitalisierung nicht aufhalten. Verpflichtungen, Termine und Stress gehören zum Leben dazu, und doch hat nahezu jeder schon einmal darüber nachgedacht, wie er diesem Druck entkommen kann. Nur weiß niemand so wirklich, wie er oder sie das anstellen soll. Man findet ja schließlich nicht mal die Zeit, die unzähligen Ratgeber zu diesem Thema zu lesen.

 

In solchen Momenten ist es sehr inspirierend zu sehen, wie lebensfroh ein Hund sein kann, wie er die schönen Dinge in Kleinigkeiten sieht und mit dem zufrieden ist, was er hat. Regelmäßige Entspannung, um dann im entscheidenden Moment wieder topfit und hochkonzentriert zu sein, meist in kurzen intensiven Einheiten mit ständigem Wechsel der Intensität. In unserer Sportszene ein Hype, für Hunde völlig normal. Vielleicht hat Steve Jobs damals sogar an einen Hund gedacht, als er sein wegweisendes „Stay hungry. Stay foolish“ formulierte. “Slow down” ist ein gesunder Egoismus, der auch uns Menschen gelegentlich gut tun würde. Nur schade, dass wir so eine Kurskorrektur oft erst nach einer Krise oder einem Schicksalsschlag schaffen und erst wissen, worauf es ankommt, wenn es schon fast zu spät ist.

 

Slow down, aber wie?

 

Nicht jeder leidet gleich unter Stress und Anspannung. Unsere Stressresistenz, also die Fähigkeit, stressige Situationen, Krisen oder Konflikte zu meistern, wird in der Kindheit entwickelt. Stress versetzt Körper und Geist in einen hellwachen Zustand – das sicherte uns einst das Überleben. Positiver Stress kann uns also durchaus anregen und inspirieren. Unser Körper ist jedoch auf kurzfristige Höchstleistungen ausgelegt, nicht auf Dauerstress und Hyperaktivität. Das Dauerfeuer der Stresshormone und lange Phasen hoher körperlicher und seelischer Belastung sind die Keimzelle für Herzinfarkte. Wichtig ist der Ausgleich zwischen An- und Entspannung, um den Körper wieder in den Normalmodus runterzufahren.

 

Jeder möchte etwas leisten, aber nirgendwo steht, wie viel man leisten muss. Die Welt wird sich sowieso weiterdrehen. Wir glauben oft, Erfolg und Leistung kommen nur dann zu Stande, wenn wir uns und andere dazu antreiben. Doch Kreativität kann niemals unter Druck entstehen, dafür braucht es Muße, innere Ruhe, Zeit zum Nachdenken und Leichtigkeit. Kreativität fängt da an, wo nicht vorgegeben ist, was dabei herauskommt. Unter Druck ist nur das „Abarbeiten von irgendwas“ möglich.

 

Man muss sich Raum schaffen und seinen eigenen Lebensrhythmus finden. Prioritäten setzen und sich bewusst machen, dass eine Entscheidung für etwas gleichzeitig auch immer eine Entscheidung gegen etwas anderes ist. Gelassenheit entsteht durch Achtsamkeit und bewusste Wahrnehmung. Hunde setzen ihre Energie sehr effizient ein, anstatt sich zwischen Arbeit, Freizeitaktivitäten und sonstigen Verpflichtungen abzuhetzen. Kein Hund läuft ohne Grund jeden Tag einen Marathon.

 

Wir verbringen die meiste Zeit damit, uns um andere oder darum, was sie von uns denken, zu kümmern und verlieren uns dabei oft selbst aus dem Blick. Wann hast Du Dich eigentlich zuletzt einfach nur um Dich gekümmert? Keine Arbeit, keine Verpflichtungen. Einfach nur Du?

 

Genieße Dein Leben – und das nicht nur am Wochenende. Fang wieder damit an, Dir bewusst Zeit für Dinge zu nehmen, die Du liebst: Die Welt bei einem Spaziergang mit Deinen eigenen Augen entdecken, anstatt in Facebook Timelines und Instagram Profilen. Freunde treffen, anstatt ihnen täglich mehrere Nachrichten zu schicken. Im Moment sein, sich freuen, einfach nur, weil die Sonne scheint oder ein freundliches Lächeln den Tag erhellt. In solchen Momenten wird klar, wie wenig wir wirklich brauchen, um glücklich zu sein. Und genau dieses Gefühl sollten wir nicht nach einer Sekunde wieder vergessen, sondern einfach mal ein wenig mit uns herumtragen und wirken lassen.

 

Entschleunigung heißt, sich selbst Zeit zu schenken, um wieder nachdenken zu können und bewusst mit dem umzugehen, was wir alle Leben nennen.

 

 

Bildquelle: Thomas Günther/Fotolia

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